Interdisziplinäres Symposium

Wie ist Medizin noch möglich?

Das Interdisziplinäres Symposium zur Frage "Wie ist Medizin noch möglich?" von „Medizin und Menschlichkeit e.V.“ fand vom 22. – 25.09.2016 in Weyarn statt. Die Veranstalter dieses von der Zukunftsstiftung Gesundheit unterstützten Symposiums berichteten über ihre Motive zu dem Projekt und über den Verlauf der Tagung das Folgende:

Warum dieses Symposium?

Die aktuellen Entwicklungen im Gesundheitswesen - Leistungsverdichtung, Bürokratisierung, Personalmangel, Spezialisierung und Technisierung - führen dazu, dass sich Patienten oft nicht als “ganze Menschen” wahrgenommen fühlen und nicht ihren Bedürfnissen angemessen behandelt werden. Auch die in Gesundheitsberufen tätigen Menschen sind oft desillusioniert und berichten von einem Gefühl der Sinnentleerung ihrer Tätigkeit, was in Burnout, Rückzug aus dem Arbeitsleben in einer zynischen Grundhaltung münden kann. Wir - junge MedizinstudentInnen, TherapeutInnen und ÄrztInnen - von „Medizin und Menschlichkeit“ haben mit diesem Symposium die Frage gestellt, wie sich vorhandene Ressourcen stärkenlassen, um weiterhin mit Freude in helfenden Berufen zu arbeiten.

Humans function best when they are loving, affiliative and caring (rather than hating) and when they feel loved and valued (rather than unloved and de-valued)“  Paul Gilbert PhD, klinischer Psychologe und Autor u.a. des Buches „Mitgefühl“

Wir hatten früh im Prozess die Intuition, dass wir auch (oder gerade!) im Gesundheitswesen auf die Frage nach inneren Ressourcen hilfreiche Antworten in den Themen „Achtsamkeit“ und „Selbstmitgefühl“ finden würden. Diese haben in der Psychologie schon längst Einzug gehalten und finden auch in Bereichen wie der Pädagogik und Wirtschaft zunehmend Beachtung.

Das Prinzip der Achtsamkeit als Haltung des “annehmenden Gewahrseins des jetzigen Moments“ hilft dabei, besser mit sich selbst und dem, was es jetzt gerade wirklich braucht, in Verbindung zu kommen - und ist damit eine Voraussetzung im Umgang mit Menschen in Not. Dies legte Dr. Britta Hölzel anhand der aktuellen Forschung zu neuronalen Mechanismen der Achtsamkeit sorgfältig dar. Als relativ neues Konzept wurde “Selbstmitgefühl als Ressource in heilenden Berufen” durch Dr. Christine Brähler vorgestellt. So kann es eine große Unterstützung sein, sich der eigenen Überforderung und Hilflosigkeit bewusst zu werden, die viele Menschen in Gesundheitsberufen im Umgang mit großem Leid oder Schmerz verspüren. Mit sich selbst einen liebevollen Umgang zu entwickeln kann dazu beitragen, mit anderen Menschen langfristig mitfühlend umzugehen und gleichzeitig vor Burnout, Depression und Suchterkrankungen schützen.

Um diese Fähigkeiten zu üben, gab es im Rahmen des Symposiums verschiedene Erfahrungsräume und Workshops. Außerdem gab es die Möglichkeit, tiefer in die Themen Freude, Achtsame Berührung, Rituale im Klinikalltag, Dialog (nach Buber und Bohm) und Heilsame Begegnung einzusteigen.

“Nicht nur das alleinige Zuhören ist wichtig, sondern vor allem das Einlassen auf die existenziellen Nöte der Patienten.” Prof. Dr. Pascal Berberat, MME

Workshop beim Symposium in Weyarn.

Welche Ziele haben wir erreicht? Was ist entstanden?

Die rund 85 Teilnehmenden des Symposiums aus der näheren und weiteren deutschsprachigen Umgebung umfassten das ganze Spektrum klinisch tätiger Ärzte, Psychologen, Pflegende, aber auch Therapeuten anderer Richtungen (Kunsttherapie, Körperarbeit wie z.B. Grinberg Methode, Musiktherapie, Osteopathie, Heilpraktiker, etc.). Die zahlreichen Berufsgruppen ermöglichten eine große Perspektivenvielfalt.

Rückmeldungen der Teilnehmenden nach dem Symposium waren, dass sich viele durch die Veranstaltung darin bestärkt sahen, trotz aller Zweifel und Schwierigkeiten weiterhin in der „Arbeit am Patienten” tätig sein zu wollen. Sie gaben an, auf dem Symposium konkrete Fertigkeiten für die Bewältigung des Berufsalltags erlernt zu haben. Das Symposium als Austauschforum inspirierte dazu, sich “Oasen der Menschlichkeit” im eigenen Arbeitsumfeld zu schaffen. Redner aus Lehre und leitenden Positionen ermutigten die junge Generation dahingehend, selbst in verantwortungsvolle Positionen hineinzuwachsen und das Gesundheitssystem auf diese Weise aktiv mitzugestalten.

Für uns von “Medizin und Menschlichkeit e.V.” war das Symposium ein wichtiger Baustein, unseren Bekanntheitsgrad weiter zu erhöhen. Durch die auf ältere Generationen und Führungskräfte erweiterte Referenten- und Zielgruppe konnten wir einerseits von deren wertvollem Erfahrungshorizont lernen, andererseits über neu geknüpfte „vertikale“ Kontakte unser Netzwerk und damit unseren Wirkungsradius im Gesundheitswesen vergrößern. Auch für unser zukünftiges inhaltliches Arbeiten bedeutete die mutige Öffnung zu bisher unerschlossenen Fragestellungen einen Reifungsschritt.

Die Veranstaltung hat uns darin bestärkt, weitere Symposien zu veranstalten und immer mehr Verantwortung in unserem individuellen Arbeits- und Lebensumfeld zu übernehmen. Auch entstanden Ideen für weiterführende Ausbildungsformate.

Medizin und Menschlichkeit e.V., im September 2016